21 | 10 | 2020

Beeindruckender Ostergottesdienst in St. Clemens

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es sind schon merkwürdige Zeiten, die wir durchleben: Corona-Zeiten. Das heimtückische Virus hat die Welt fest im Griff!  Von überall her die gleichen Bilder, trotz schönen Wetters: fast leer gefegte Straßen, Menschen mit Mundschutz, geschlossene Geschäfte und Restaurants, Flugzeuge nicht in der Luft, sondern am Boden.

Und ein neues englisches Wort mussten wir lernen: Shut down! Übersetzt heißt es so viel wie herunterfahren, stilllegen. Selbstbeschränkung ist uns verordnet. Selbstbeschränkung, soweit als möglich. Für manche ein schmerzliches Unterfangen, mit hohen finanziellen Verlusten verbunden, bis hin zum drohenden Ruin.

Auch wenn es jetzt vielleicht etwas weit her geholt klingt. Auch Jesus vollzieht im Grunde genommen diese Bewegung. Ein Shutdown bis zum „Geht nicht mehr“. Ein Herunterfahren, für das er sogar mit dem Leben bezahlt: Vom höchsten denkbaren Punkt, nämlich Gott gleich zu sein (wie Paulus sich an die Philipper ausdrückt), hat er sich aufs Äußerste erniedrigt, sich wie ein Verbrecher ans Kreuz schlagen lassen, sich hinschlachten lassen, und sich als Toter in die Dunkelheit einer Grabhöhle legen lassen. Ja, in der Schattenwelt, der Unterwelt war sein Zuhause! Hinabgestiegen in das Reich des Todes, so beten wir es denn auch im Glaubensbekenntnis. Jesus, ein Toter unter Toten!

Wenn man so will: Seine ganze Erdenzeit bis hin zum Gründonnerstag, dem Karfreitag, dem Karsamstag steht unter dieser Bewegung: Eine schiere Selbstaufgabe, ein Shutdown, ein Sich-zurücknehmen ohnegleichen, … und dies allein aus purer Liebe zu uns Menschen und einem - im wahrsten Sinne des Wortes - abgrundtiefen Vertrauen in seinen Vater!

Doch genau an diesem Nullpunkt, am toten Punkt angelangt, ereignet sich die Wende!! Maria Magdalena ist die erste, die das Wunder des neuen Lebens, die den Sieg Jesu über den Tod, erfahren darf. Sie findet nicht nur das leere Grab. Der Auferstandene selbst zeigt sich ihr, spricht mit ihr, ruft sie beim Namen, als derselbe und der doch ganz andere. Mit neuem Leib versehen, nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, in ein Sein gehoben, das vom Tod nie mehr bedroht werden wird.  Auferstehung! Ostern!

Worin aber liegt der tiefere Sinn des Ganzen? Der Mehrwert? Hauptsache Jesus gerettet!? Hauptsache Maria Magdalena glücklich!? Hauptsache Petrus und die anderen Jünger völlig aus dem Häuschen!? Das wäre doch zu wenig. Nein, mit Ostern haben wir alle gewonnen! Wie sich das aber vorstellen??

In der alten Ikonenmalerei der Ostkirchen finden sich Darstellungen, in denen das Herauskommen Jesu aus dem Grab wie ein Triumph gezeigt wird. Da sieht man Jesus, den Auferstandenen, in ein kostbares goldenes Gewand gehüllt. Er steht über der Grabesgruft. Die linke Hand zum Segensgestus erhoben. Und seine rechte? Sie greift nicht ins Leere. Sie greift unter sich nach Adam, d.h. nach dem Menschen schlechthin, der noch im dunklen Grab steht und dem Herrn seinen Arm entgegenreckt. Und Jesus zieht ihn aus der modernden Gruft ans Licht. Das braune Gewand des Adam beginnt schon golden zu leuchten. Wie gesagt: Eine Vorstellung von Ostern in den Ostkirchen.

Doch wir brauchen gar nicht soweit zu gehen. Wir können in Mayen bleiben. Als ich vor vierzehn Tagen beim Frühstück die Rheinzeitung aufschlug, fiel mir nämlich genau dieses Motiv in die Hände. Der Künstler Mo Taherinia, der nicht weit von der Herz-Jesu Kirche entfernt wohnt, und den ich bis dato gar nicht kannte, hat eine Kreuzesdarstellung genau unter diesem Duktus angefertigt. Als ich das Foto davon in der Zeitung sah, war ich für einen Moment sprachlos. Für mich (abgesehen von den Osternestern, die ich vielleicht noch in meinem Garten finden werde) die Osterüberraschung des Jahres!

Ein Mann aus dem Iran, der kein Christ ist, … er vermag uns zu sagen, was Ostern bedeutet!! Wie Gottes Geist doch wirkt!

Und ich habe noch am gleichen Tag den Kontakt mit dem Künstler Mo, wie er genannt werden will, gesucht. Und Mo war so frei: Er hat sein Werk nochmals geschnitzt und farbig gefasst, ein Duplikat, in Windeseile.

Ob es Mo bewusst ist? Er hat es verstanden: Den Sinn des Kreuzes und den Gewinn von Ostern! Die Botschaft seines Werkes überdeutlich: Gott Vater (seine Hand) hält Jesus. Er hat seinen Sohn, aus dem Reich des Todes aufgeweckt, herausgeholt, … und mit Ihm zieht er auch uns, den Menschen, ins Leben! Wir werden mit auferweckt. Unsere Rettung, wenn man so will, ein göttliches Gemeinschaftswerk.

Sich daran zu erinnern, tut wohl mehr als einmal Not. Manchmal kommt einem sogar das eigene Herz wie ein Abgrund vor. Und wenn es so ist? Schaut hin: Jesus steigt mit hinab und „liebt uns heraus“ aus dem, was uns runterzieht, was in uns verzagt, sündig und gebrochen ist. Der Lebendige schlägt unsere ausgestreckte Hand nicht aus. Er lässt uns in unseren Sorgen, in unseren Ängsten nicht hängen. Er hebt uns aus Gräbern hervor. Er stellt uns neu auf die Füße.

Der ehemalige Papst Benedikt hat solchen Glauben, fast poetisch, einmal so beschrieben: Die Liebe ist vorgedrungen in das Reich des Todes! Auch in der extremsten Dunkelheit menschlicher Einsamkeit und Ausweglosigkeit können wir eine Stimme hören, die uns ruft und eine Hand finden, die uns ergreift und uns nach draußen führt. Erst recht gilt dies am Ende unserer je persönlichen Erdenzeit. Unser Retter wird uns befreien aus der Todesmacht in die Fülle eines noch größeren Lebens hinein, das wir Himmel nennen.

Liebe Mitchristen! Aus dem Shutdown, aus der Lähmung herausfinden, die selbstverordneten Fesseln, die angezogenen Bremsen zu lösen, das gesellschaftliche Leben wieder „hochzufahren“, anzukurbeln, das wird - hoffentlich bald - die anspruchsvolle, aber willkommene Aufgabe der kommenden Wochen werden. Kann nicht gerade die Osterbotschaft, die Osterhoffnung, die wir hier miteinander feiern, die innere Kraft dafür geben, dies zu bewerkstelligen!? Ich baue darauf!

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ berichten Leser Ausgabe für Ausgabe von kleinen Erlebnissen, die ihr Leben bereichert haben. Unlängst hat ein Mann aus Elmenhorst in Mecklenburg-Vorpommern folgende Begebenheit, die er selbst so erlebt hat, der Leserschaft mitgeteilt. Auf dem Spielplatz ist ein kleiner Junge gestolpert und hat sich das Knie aufgeschlagen. Nun weint er bitterlich, aber seine Oma versorgt die Wunde und tröstet ihn mit den Worten: Der liebe Gott macht alles wieder gut. Fragend sieht der Kleine die Oma an: Muss ich rauf, oder kommt runter?

Diese Frage hat sich jetzt ja wohl erübrigt. Oder? Für wen das immer noch nicht klar ist, der muss die Predigt wieder lesen und das Bild wieder betrachten, …. bis der Groschen fällt.

Frohe Ostern!                                 Ihr Pastor Matthias Veit

Hier gibt es die Predigt zum Nachlesen als download